Der Kanton Zürich wächst. Was jedoch, wenn dies zukünftig nicht mehr der Fall wäre? In einem Gedankenexperiment hat INFRAS für den Kanton Zürich die wirtschaftliche Entwicklung unter verschiedenen Prämissen bis ins Jahr 2050 modelliert. Dabei zeigt sich: Ein «Ende des Wachstums» wirkt sich substanziell auf den Wohlstand aus.
Die Bevölkerung und die Wirtschaft des Kantons Zürich wachsen, und es wird bis 2050 mit weiterem Wachstum gerechnet. Aber was passiert, wenn ein Wertewandel einsetzt und sich bis 2050 ein Szenario «Ende des Wachstums» im Kanton Zürich durchsetzt? Für das Zürcher Wirtschaftsmonitoring Juni 2024 des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWI) des Kantons Zürich hat INFRAS dazu ein Gedankenexperiment durchgeführt – nicht im Sinn einer exakten Prognose, sondern als illustratives Szenario.
Weniger Konsum, mehr Wettbewerbsdruck – und weiterhin Zuwanderung
Das Gedankenexperiment geht davon aus, dass es sich bei einem solchen Wertewandel nicht um eine isolierte Entwicklung in Zürich handelt. Vielmehr setzt er sich auch in den umliegenden Ländern durch. Damit gehen eine geringere Konsumneigung wie auch eine reduzierte Bereitschaft für (bezahlte) Arbeit einher. Auf stagnierenden Märkten steigt der Wettbewerbsdruck für die Unternehmen. Gleichzeitig nimmt die Arbeitsproduktivität wegen ausbleibenden Investitionen und Innovationen nur noch langsam zu.
Wenig Einfluss hätte eine solches Szenario jedoch auf die Bevölkerungsentwicklung: Zürich bleibt auch im Szenario «Ende des Wachstums» im Vergleich zu anderen Standorten attraktiv. Deshalb wäre weiterhin mit Zuwanderung zu rechnen.
Deutlicher Einfluss auf BIP pro Kopf
Das BIP des Kantons Zürich flacht sich gemäss Modellrechnung im Szenario «Ende des Wachstums» bis 2050 deutlich ab: Dank des anhaltenden Bevölkerungswachstum bleibt es mit 0.2% pro Jahr zwar leicht positiv, im Szenario mit anhaltendem Wachstum wären jedoch 1.3% pro Jahr möglich.
Noch einschneidender sind die Auswirkungen des Wertewandels auf das BIP pro Kopf und in Folge davon auf das verfügbare Einkommen. Für beide gilt: Anstatt einer Zunahme um rund 14'000 Franken bis 2050 könnte es zu einem Rückgang um ebenfalls rund 14'000 Franken kommen.
Gedankenexperiment als Hilfsmittel
Gedankenexperimente und Szenarioanalysen wie die vorliegende sollen als Hilfsmittel dienen, um die Auswirkungen eines stagnierenden Wachstums auf die Gesellschaft und die Umwelt zu veranschaulichen. Dabei geht es explizit nicht um exakte Zahlen und eine konkrete Prognose, sondern darum, wichtige Zusammenhänge und die Grössenordnungen der Auswirkungen zu veranschaulichen. Hierfür werden bewusst plakative Annahmen und nicht zu komplexe Modelle gewählt. Dies betont den illustrativen Charakter von Szenarioanalysen.
Für Sozialwerke schwierig, für Umwelt ambivalent
Gesellschaftlich schlagen sich die Auswirkungen einer Zürcher Wirtschaft ohne Wachstum vor allem in drei Bereichen nieder: dem Armutsrisiko, der finanziellen Situation der Sozialversicherungen und in den Steuereinnahmen. In allen drei Bereichen ist in diesem Szenario eine klare Verschlechterung der Situation feststellbar. Besonders deutlich betroffen ist die AHV: Während die Ausgaben weitgehend unverändert bleiben, fallen die Einnahmen deutlich tiefer aus.
Ambivalent sind hingegen die Auswirkungen einer Entwicklung ohne Wachstum für die Umwelt. Einige Bereiche profitieren von einer geringeren Belastung. Da allerdings die Bevölkerung weiterhin zunimmt, bleiben die Effekte beschränkt. Gleichzeitig stehen viel weniger Mittel für Investitionen in Umweltschutzmassnahmen zur Verfügung. Dieser Punkt ist besonders entscheidend im Hinblick auf den Klimaschutz. Massnahmen zur Reduktion der THG-Emissionen bedürfen grosser Investitionen in den kommenden Jahren.
Weitere Informationen:
- Zürcher Wirtschaftsmonitoring Juni 2024
- Amt für Wirtschaft: Website zum Bericht
- Amt für Wirtschaft: Dossier Wirtschaftsmonitoring
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